Wo geht man im Winter fliegen?
Nach Namibia stand für uns schnell fest, vielleicht darf es noch ein bisschen *mehr Afrika* sein. Die Wahl fiel auf Kenia. Auch wenn das Land insgesamt recht touristisch ist, ist Iten selbst ein sehr ursprünglicher, ländlich geprägter Ort.
Iten ist weltweit bekannt, allerdings nicht nur unter Gleitschirmfliegern. Neben Paragliding gilt der Ort als Mekka der Langstreckenläufer. Viele der besten Langstreckenläufer der Welt verbringen hier ihren Winter für das Höhentraining. So trafen wir vor Ort sogar die ehemalige Weltrekordhalterin im Halbmarathon Lornah Kiplagat. Auf etwa 2400 Metern Höhe finden sie ideale Bedingungen, genau wie wir in der Luft.
Für uns war schnell klar, wenn es um Streckenflug geht, gehört Iten zu den spannendsten Gebieten überhaupt. Hier wurden beeindruckende Geschwindigkeitsrekorde im flachen Dreieck geflogen. Dazu kommen nahezu täglich fliegbare Bedingungen und Temperaturen konstant über 25 °C, perfekte Voraussetzungen für eine gelungene Winterflucht.
Ein entscheidender Teil unserer Vorbereitung war der Kontakt zu Veit Kessen. Er lebt seit vielen Jahren in Kenia und ist Präsident der Paragliding Association Kenya. Bereits im Vorfeld nahm er sich Zeit für ein ausführliches Telefonat mit uns und versorgte uns mit wertvollen Informationen, insbesondere zur Rückholung nach Außenlandungen und zu den lokalen Gegebenheiten. Seine Tipps waren für uns extrem hilfreich, an dieser Stelle nochmals ein großes Dankeschön.
Sein Podcast Auftritt bei Lu Glidz:
[https://lu-glidz.blogspot.com/2022/03/podz-glidz-77-uber-elefanten.html]
Anreise, ein langer Weg nach Afrika
Am 11. Januar ging es los, Melli, Martin und Eike trafen sich an der Bushaltestelle Ostdeutsche Galerie in Regensburg. Am Hauptbahnhof stieß Simon zur Gruppe hinzu, und gemeinsam ging es weiter Richtung Flughafen München. Parallel machten sich unsere Freunde Zbynek und Jakub vom PG Club Plzen aus Prag auf den Weg nach Nairobi.
Am Abend starteten wir von München Richtung Abu Dhabi, während die beiden Tschechen über Kairo flogen. In Nairobi angekommen war unsere Gruppe schließlich das erste Mal komplett, und natürlich wurde das direkt mit einem Tusker Bier gefeiert.
Doch damit war die Reise noch nicht vorbei, von Nairobi ging es mit einem Inlandsflug weiter nach Eldoret. Von dort aus waren es noch etwa eine Stunde Taxi bis nach Iten. Nach über 24 Stunden Anreise kamen wir schließlich erschöpft, aber voller Vorfreude im Kilima Resort an und bezogen unsere Zimmer.
Unterkunft und erste Eindrücke
Iten liegt auf etwa 2400 Metern Höhe, fast direkt am Äquator. Die Tageslängen sind hier nahezu konstant, Sonnenaufgang gegen 6 Uhr, Sonnenuntergang gegen 18 Uhr. Gerade in den Wintermonaten herrscht Trockenzeit, und der Wind steht zuverlässig auf die Kante, ideale Voraussetzungen zum Fliegen.
Als wir im Kilima Resort ankamen, war es bereits dunkel. Trotzdem wurde extra auf uns gewartet, und wir bekamen noch ein warmes Abendessen am großen Gemeinschaftstisch. Unsere Gastgeber Florence und Koen kümmerten sich liebevoll um alle Gäste. Gegessen wurde jeden Abend gemeinsam, Piloten aus ganz Europa und darüber hinaus kamen hier zusammen, Tschechen, Polen, Slowenen, Italiener, Holländer, Schweizer, Franzosen, Briten und wir als deutsch tschechische Gruppe. Zudem trafen wir vor Ort auch Michael Heberlein von den Fensterbachern.
Am nächsten Morgen bot sich uns dann zum ersten Mal der Blick ins Kerio Valley. Der afrikanische Grabenbruch lag direkt vor uns, ein Anblick, der sich für uns alle fast unwirklich anfühlte. Es wirkte, als würde man auf einen endlosen Ozean blicken.
Fluggebiet Kerio Valley
Der Startplatz war im wahrsten Sinne des Wortes unsere Terrasse, näher kann man kaum wohnen. Für uns bedeutete das, aufstehen, frühstücken und direkt los. Zbynek ging sogar so weit, sich im Zimmer komplett startbereit zu machen und quasi direkt aus dem Bett zu starten.
Der Start erfolgt von einer Klippe und ist nicht zu unterschätzen. Sobald der Wind nicht sauber ansteht, wird es unruhig und anspruchsvoll. So kam es bereits am ersten Tag bei allen zu mehreren Startabbrüchen.
Grundsätzlich kommt der Wind fast täglich aus östlicher Richtung, teilweise mit leichtem Nord oder Südeinschlag. Typisch sind etwa 15 bis 20 kmh Wind, allerdings mit deutlichen Steigerungen im Tagesverlauf.
Am Morgen ist das Fliegen meist noch angenehm ruhig. Doch schon ab etwa 9 Uhr nimmt die Thermik zu, und gegen 10 Uhr können am Landeplatz kräftige Ablösungen mit Steigwerten von bis zu 6 m s auftreten. Mittags ist Starten oft kaum mehr möglich, daher konzentriert sich das Starten auf den Morgen und den späten Nachmittag. An einzelnen Tagen wurden am Startplatz gegen 11.20 Uhr Böen und Ablösungen von über 50 kmh gemessen.
Diese Bedingungen sorgen für enormes Potenzial, aber eben auch für anspruchsvolle und teilweise sehr turbulente Flüge.
Landeplätze und Rückholung
Landemöglichkeiten gibt es viele, insbesondere die Sportplätze der umliegenden Schulen werden häufig genutzt. Auf den ersten Blick wirken diese großzügig, doch im Anflug merkt man schnell, dass sie durch Thermik und Gelände deutlich kleiner werden als gedacht.
Zusätzlich erschweren Lee Effekte, kräftige Ablösungen sowie Hindernisse wie Bäume und Stromleitungen die Landeeinteilung. Eine saubere Planung und ein gutes Auge sind hier entscheidend.
Die Rückholung funktioniert dafür umso beeindruckender, die BodaBoda Fahrer, also Motorradtaxis, sind fester Bestandteil des Systems. Oft verfolgen sie die Piloten bereits während des Fluges, und nicht selten stehen sie schon bereit, bevor man überhaupt gelandet ist.
Fliegen in Iten
Unser Tagesablauf stellte sich schnell ein, früh raus, meist gegen 8 Uhr starten und die ruhigen Morgenstunden nutzen. Die meisten Flüge endeten gegen 10 oder 11 Uhr, bevor es zu stark wurde. Am späten Nachmittag folgte dann oft noch ein ruhiger Abendflug.
Die Morgenflüge waren geprägt von beeindruckender Landschaft und langen Kantenflügen . Gleichzeitig spürte man schnell, wie dynamisch die Luft hier ist.
Das XC Potenzial ist enorm. Während unseres Aufenthalts war unter anderem Ondřej Procházka vor Ort. Er war vom 10. Januar bis zum 4. Februar, also insgesamt 26 Tage, in Iten und flog in dieser Zeit 23 Strecken über 100 km. Kurz nach unserer Abreise stellte er zudem einen neuen Rekord auf, 340,7 km im flachen Dreieck mit einem Schnitt von über 35 kmh.
Solche Zahlen zeigen eindrucksvoll, was in diesem Gebiet möglich ist.
Erlebnisse am Boden
Neben dem Fliegen waren es vor allem die Begegnungen, die diese Reise so besonders gemacht haben.
Viele Landungen wurden zu kleinen Ereignissen, schon aus der Luft konnte man beobachten, wie Kinder auf die Landeplätze zuliefen. Nach der Landung wurde man von lachenden, neugierigen Gruppen empfangen, oft dutzende oder sogar hunderte Kinder, die uns begrüßten, sangen und einfach pure Freude ausstrahlten.
Auch abseits der Fliegerei gab es viel zu erleben. Wir wanderten zu Wasserfällen, sahen Angola Stummelaffen, besuchten Schulen und trugen uns in deren Gästebücher ein. Einige von uns saßen zum ersten Mal auf einem Motorrad und erkundeten damit die Umgebung. Wir gingen auf Märkte, aßen frisches Obst direkt am Straßenrand und probierten lokale Spezialitäten. So viel frischen Mangosaft wie in diesen Tagen haben wir wohl noch nie getrunken, schnell wurden wir zu Stammgästen in einer kleinen Juice Bar.
Wir besuchten einen Gottesdienst und wurden anschließend vom Pastor zu Tee und Gebäck eingeladen. Bei einem weiteren Ausflug zu einer Schule wurden wir von den Kindern mit Gesang empfangen, Momente, die uns besonders in Erinnerung bleiben werden.
Das Leben in Iten spielt sich draußen ab und man wird schneller Teil davon, als man erwartet.
Besondere Momente
Natürlich gab es auch Tage, die uns besonders im Gedächtnis geblieben sind.
Starke Bedingungen mit extremen Böen führten dazu, dass wir bewusst auf das Fliegen verzichteten, während gleichzeitig erfahrene XC Piloten unterwegs waren. Einmal war Jakub nach einem Flug lange verschwunden. Ohne funktionierende Powerbank gab es keinen Kontakt. Erst spät am Abend kam er wieder zurück.
In solchen Situationen wird deutlich, wie wichtig ein Livetracker ist und vor allem, dass darin auch die kenianische Telefonnummern seiner Gruppenmitglieder hinterlegt sind.
Leider kam es während unseres Aufenthalts auch zu mehreren Unfällen und leider zu einem Todesfall. Das hat uns allen noch einmal deutlich vor Augen geführt, wie ernst dieses Gebiet zu nehmen ist.
Sicherheit und Einschätzung
Das Kerio Valley ist ein Gebiet mit enormem Potenzial, aber auch mit klaren Risiken.
Es gibt bekannte Bereiche, in die man nicht einfliegen sollte. Hält man sich an diese Regeln und kennt seine eigenen Grenzen, kann man hier außergewöhnliche Flüge erleben. Ignoriert man sie, wird es schnell gefährlich.
Auch der Flugstil vor Ort ist speziell, häufig wird beschleunigt und relativ niedrig entlang der Kanten in starker Thermik geflogen, um den Schnitt hoch zu halten. Kommt es hier zu einem Klapper, muss sofort reagiert werden. Die Flughöhe ist oft gering, im Ernstfall bleibt wenig Zeit. Entsprechend wichtig ist es, klare Entscheidungen zu treffen und im Zweifel auch frühzeitig den Rettungsschirm zu werfen.
Fazit
Iten ist ein einzigartiger Ort, landschaftlich, fliegerisch und menschlich. Die Menschen vor Ort sind unglaublich hilfsbereit. Egal wo man landet, es dauert nicht lange, bis jemand zur Hilfe kommt.
Wir würden jederzeit wieder hinreisen. Gleichzeitig würden wir aber auch klar davon abraten, dieses Gebiet als Anfänger zu besuchen. Die Bedingungen sind anspruchsvoll und erfordern Erfahrung sowie ein gutes Gefühl für Wetter und Gelände. Das Fliegen hier unterscheidet sich deutlich von den Bedingungen in den Alpen oder im Bayerischen Wald.
Für fortgeschrittene Piloten und ambitionierte Streckenflieger hingegen ist das Kerio Valley ein echtes Paradies.
Abschluss
Den letzten Abend verbrachten wir in Nairobi auf der Dachterrasse eines Hotels. Noch immer im Urlaubsmodus und eher wie typische Gleitschirmflieger gekleidet, saßen wir dort zwischen deutlich schicker gekleideten Gästen und ließen die Reise Revue passieren.
Spät in der Nacht trennten sich dann unsere Wege wieder, Zbynek und Jakub flogen zurück nach Prag, wir nach München.
Und eines stand fest:
Diese Winterflucht wird uns noch lange begleiten